H.E.L.G.O. e. V. in Hamburg

H.E.L.G.O. Child Labour Project - Kolkata

EIN PARADIES INMITTEN DES CHAOS

Bildung statt Kinderarbeit

Bild: Unser Ausflug in den Botanischen Garten

Besuchsbericht Februar 2011

Kalkutta, heute offiziell Kolkata, steht auf Platz 15 der weltweit größten Megastädte. Die Schätzungen variieren zwischen 13 oder gar 15 Millionen Einwohnern. Egal, eine oder zwei Millionen Menschen mehr oder weniger spielen hier gar keine Rolle. Viele Menschen haben keine Identitätspapiere geschweige denn eine Geburtsurkunde. Keiner weiß genau, wie viele Menschen in den Slums oder auf der Strasse geboren wurden und dort leben.

Mit europäischen Maßstäben kann man Kalkutta nicht messen. Smog und Feinstaubbelastung, wie sie bei uns gemessen werden, sind hier vollkommen unbekannt. Es ist mein ganz persönlicher Eindruck, dass eine unangenehme Mischung aus Gedränge, Geräuschen, Gerüchen, Bildern und Menschen jeden westlichen Besucher verunsichern, überwältigen, erschrecken, und verschlingen. Eine übel riechende Dunstglocke aus Abgasen, Ausdünstungen und Fäkalien hängt über der Stadt. Auf den Strassen herrscht ein besonderes Chaos: Hupende und knatternde Motorrikschas, Autos, Motorräder, Busse und LKWs. Mitten in diesem Gewühle: Fußgänger sowie mit Menschenkraft gezogene Rikschas und Lastenträger, die schwere Frachten transportieren. Unsere europäischen Bewertungen versagen; es ist eine andere Welt in der ganz andere Prioritäten gesetzt werden.

Bild links: Gedränge - Straßenszene in Kolkata

Trotz allem habe ich mich immer und überall sicher gefühlt. Ich habe nur freundliche und hilfsbereite Menschen kennen gelernt.

Wenn man korrekt sein will, hat HELGO e.V. seine Standorte in Howrah und damit am anderen Ufer des Flusses Hooghly, der zwischen Kalkutta und Howrah fließt. Beide Städte werden durch das Wahrzeichen von Kalkutta, der Howrah Bridge, verbunden. In Howrah befindet sich auch der große Bahnhof, in dem Züge aus allen Städten Indiens einlaufen.

Der Einfachheit halber fasse ich Howrah und Kalkutta unter dem Begriff Kolkata / Kalkutta zusammen, auch wenn das offiziell nicht korrekt ist.

Bild rechts: Kolkata - Verkehr von der Howrah Bridge in die Innenstadt

Inmitten des Chaos habe ich drei kleine Paradiese entdeckt und kennen gelernt. Die von HELGO e.V. erschaffenen Fluchtburgen bieten etwa     200 Kindern eine sichere Gegenwart mit einer regelmäßigen und ausreichenden Mahlzeit, mit Schulbildung und geregeltem Tagesablauf. Darüber hinaus haben sie so die Chance auf eine bessere Zukunft; ein Leben außerhalb der Slums mit einem respektablen Job und besseren Einkommen als diese Kinder es sonst zu erwartet haben.

 

Bild rechts: Kolkata - im Hintergrund die Howrah Bridge, davor der Blumenmarkt


Child Labor Hostel - HELGO North Point -

H.E.L.G.O. e.V. in Hamburg unterhält in Howrah drei Standorte. Der zentrale Punkt mit einer kleinen, von Dr. Razzaque geleiteten, Verwaltung ist im Stadtteil Tikiapara 103 Belilious Road in Howrah. Neben dem Hostelvater Asgar Ali gibt es noch drei Sozialarbeiter und zwei deutsche Volontäre.

Man muss schon genau hinsehen, um das an einem Fenster im zweiten Stock angebrachte Schild von HELGO zu sehen. In einer kleinen Seitenstraße ist der Hosteleingang. Auch hier gibt es ein Hinweisschild. Der Hauseingang ist, wie überall hier, dunkel und nicht beleuchtet. Man geht durch ein wenig einladendes Treppenhaus hinauf in den zweiten Stock.

Links: Das Hostel im 2. OG Unten: Der Hauseingang

 

Nach Klopfen oder Klingeln wird die Tür von Asgar Ali, dem Hostelvater, oder einem der 17 Jungs, geöffnet. Unangemeldete Besucher gibt es eher wenige. Christoph und Alexander und auch ich werden mit einem herzlich "Namaste" begrüßt und neugierig von einer handvoll Jungs umringt.

Bild - Asgar Ali - Hostelvater

Christoph und Alexander leisten hier über die Freunde der Erziehungskunst Rudolf Steiners e.V. ein soziales Jahr ab. Beide haben direkt nach dem Abitur diesen Schritt gewählt und leben jetzt seit Mitte August 2010 in Howrah. Jeder hat ein eigenes kleines Zimmer mit Computeranschluss und Deckenventilator. Die Zimmer liegen zur lauten Strasse hinaus. Bei den normalerweise recht hohen Außentemperaturen sind die Fenster immer geöffnet, um eine Luftzirkulation zu gewährleisten. Aber auch bei geschlossenen Fenstern wird der Schreibtisch schon nach wenigen Stunden von einer dicken Staubschicht überzogen. Die von zuhause mitgebrachten Laptops bestehen hier - auch durch die Erkundung der neugierigen Hosteljungs - einen besonderen Härtetest.

                                                                            Bild: links Christoph, rechts Alexander

Der gesamte Einsatz, aber auch die Freude, mit der die beiden hier ihren Beitrag für die Kinder von HELGO leisten, verdient besonderen Respekt und Hochachtung.

 

Zusätzlich zu dem Nachhilfeunterricht durch indische Lehrer coachen auch Christoph und Alexander die Kinder in deren Freizeit. Das heißt, man setzt sich mit einem oder zwei Kindern an einen ruhigen Platz; Christoph und Alexander nutzen dazu ihre Zimmer.

 

Ich setze mich mit Safaraz (Bild rechts) in die kleine Bibliothek. Safaraz zeigt mir sein Englischbuch und -heft. Ich höre ihn die erlernten Sätze ab. Das klappt sehr gut. Dann soll er vorgegebene Sätze in eine Frage umwandeln. Er schreibt alles in sein Schulheft. Der Bleistift saust nur so über das Papier. Er ist mit Begeisterung dabei und möchte mir unbedingt sein Können zeigen. Ich bin ganz begeistert von dem kleinen, 10-jährigen jungen Mann. Danach gehe ich mit Safaraz die Aufgabe auch nochmal mündlich durch. Perfekt, ich denke, wenn er das so in der Schule vorträgt müsste er eine gute Note bekommen.

 

Danach übe ich mit Rohan und Chuto. Auch hier erstaunt mich die Disziplin und Gewissenhaftigkeit, mit der dieser Nachhilfeunterricht abläuft. Die Buben haben gelernt und möchten ihr Können jetzt unter Beweis stellen. Sie sind voll bei der Sache. Es macht Spaß, sie abzuhören und damit ihre durch HELGO gegebenen Chancen zu erhöhen.                    (Bild - rechts Chuto links Rohna)

 

Im Hostel in der Belilious Road leben und schlafen zurzeit 17 Jungs. Die meisten Kinder, die HELGO aus der Kinderarbeit geholt hat, wohnen jedoch ganz normal bei ihren Eltern in den Familien. Sie gehen jeden Tag in die Schule und nach der Schule für Hausaufgaben und Nachhilfe in die jeweiligen Einrichtungen in Liluha oder Buxarah. Aufgabe der Sozialarbeiter ist, dies zu überwachen. Die Kinder erhalten in allen Standorten mittags eine ausgewogene, warme Mahlzeit, die auch für das Fortkommen der Kinder wichtig ist.

Die Sozialarbeiter besuchen die Eltern unserer Schützlinge in regelmäßigen Abständen, um die Fortschritte oder Probleme mit den Eltern zu besprechen oder mögliche Fehlzeiten in der Schule zu hinterfragen. Der Kontakt zu den Eltern ist sehr eng. Da die Kinder nicht mehr arbeiten und so zum Einkommen der Familie beitragen, erhalten ihre Familien eine monatliche Kompensation in Form von Reis und anderen Sachwerten.


Noch ein paar Worte zum Tagesablauf hier im Hostel:

05.30 h Aufstehen, Waschen Zähneputzen, Beten, Fertigmachen für die Schule.

07.15 h bis 11.30 h Schule

12.00 h bis 13.30 h Lernen oder Nachhilfe (Coaching)

13.30 h bis 14.00 h Mittagessen

14.00 h bis 15.30 h Ruhezeit - ggfl. schlafen

15.30 h bis 17.00 h Hausaufgaben

17.00 h bis 19.00 h (Montag, Mittwoch und Freitag) Spielen im Belilious Park. (Dienstag und Donnerstag) Spielen im Hostel

19.15 h bis 20.00 h Abendessen

20.00 h Nachtruhe

Das alles hat der Hostelvater, Asgar Ali, im Griff. Das Coaching und die Hausaufgaben werden von Nachhilfelehrern oder den Volontären geleitet.

Von der Belilious Road aus habe ich Gelegenheit mit der Sozialarbeiterin Jaya Ghosh drei Familien zu besuchen. Die ersten beiden Familien wohnen in einem Steinhaus in der Nähe der Schule. Durch einen dunklen Hauseingang gehen wir in den ersten Stock und folgen einigen Gängen, von denen die Wohnungen abgehen. Vor der Wohnung ist eine Rinne für Abwässer. Es leben hier bestimmt zehn Familien auf engsten Raum zusammen.

Besuch bei Nasriin und ihren Eltern

Nasriin ist 18 Jahre, hübsch und geht in die 10. Klasse. Im kommenden Jahr macht sie ihren Abschluss und kann dann noch drei Jahre auf ein Kolleg gehen. Ihr Vater (65), ist arbeitslos und tuberkulosekrank. Er bekommt in Howrah eine kostenlose ärztliche Behandlung. Die Mutter (55), ist Hausfrau. Die Familie lebt vom Einkommen des 20-jährige Sohns (etwa 2.000 Rupien = 32 Euro) im Monat. Es gibt noch eine weitere Tochter, die in Kürze durch eine von den Eltern arrangierte Hochzeit verheiratet wird.

Die Familie, fünf Personen, wohnen auf etwa 20 qm, für die sie 75 Rupien Miete und 150 Rupien Nebenkosten zahlen. Die Wohnung hat kein Fenster. Gekocht wird mit Holzkohle oder Kohle auf einer eimerähnlichen kleinen Kochstelle. Zum Anzünden wird der "Eimer" nach draußen genommen. Sowie die Kohle durchgeglüht ist gibt es kein Rauch mehr und das Kochen in der Wohnung kann beginnen.

 

Bild: Kochstelle (Chula) in der Wohnung; Kartoffeln, Erbsen und Tomaten sind im Topf.

 

Hanna (14 Jahre) wohnt zwei Wohnungen weiter. Der Vater arbeitet als Tagelöhner und bringt etwa 120 Rupien (Euro 1,80) am Tag nach Hause. Dafür muss er von 6.00 h morgens bis 18.00 h abends arbeiten. Die Toiletten und Waschgelegenheiten liegen außerhalb der Wohnung.

 

 

Shabana (10 Jahre) wohnt mit ihren Eltern und 4 weiteren Geschwistern (3 Töchter, 2 Söhne) in einer illegal gebauten Hütte aus Palmblättern und Plastikplanen am Rande der Eisenbahntrasse. Ihr Vater ist Rikschafahrer. Die Mutter erzählt, dass er seinen Tagesverdienst von etwa 80 Rupien (ca. 1,25 Euro) auch für Alkohol ausgibt. Die Mutter verkauft auf der Strasse Süßigkeiten, die sie vorher in einem Art Großhandel einkauft. Damit verdient sie am Tag rund 100 Rupien, von dem sie die Familie ernährt.

 

Bild: von links nach rechts: Kalyani und Jaya Ghosh, die Sozialarbeiterinnen.

 

Diese Besuche der Sozialarbeiterinnen finden regelmäßig statt, um mit den Familien Kontakt zu halten.

Alles in allem haben die Mitarbeiter von HELGO einen sehr persönlichen Kontakt zu allen Familien ihrer Schützlinge, um darüber sicherzustellen, dass die Kinder auch regelmäßig in die Schule kommen und keinen Unterricht versäumen.

 

HELGO Standort in Liluah

Liluah verbinde ich - soweit ich es gesehen habe - mit großen Müllbergen und Strassen, in denen das auf den Müllbergen Gefundene aufgearbeitet und weiter verkauft wird. Hier hat HELGO ein kleines Paradies geschaffen, ein Paradies am Rande eines Müllberges.

Wir lassen uns von der Beliliuos Road mit einer Fahrradrikscha dorthin fahren. Der Weg führt durch ein verkehrsreiches Strassengewirr. Wir verlassen die Hauptstrasse und fahren durch eine Eisenbahnunterführung. In beide Richtungen staut sich hier der Verkehr. Mit Gehupe geht es nur langsam und schrittweise vorwärts. Wenige Minuten später biegen wir in eine weitere Seitenstrasse ab. Allmählich nimmt der Verkehr ab und viele kleine Handwerksbetriebe säumen die Strassen.

Bild: Sehr enges Verkehrsgewühl in der Unterführung.

 

Europäer sind hier - wie eigentlich in ganz Howrah - eher die Ausnahme. Touristen verirren sich bestimmt nicht hierher.

Wir bezahlen 30 Rupien für die Fahrt an den Rikschafahrer und sehen nur wenige Meter weiter die ersten Ausläufer der Müllberge.


Wenn ein LKW mit neuem Müll an uns vorbeifährt, werden Unmengen Staub aufgewirbelt, so dass man sich möglichst schnell an einer Seite in Sicherheit bringt. Zu beiden Seiten der Strasse türmen sich die etwa 10 Meter hohen Müllberge. Wir sehen wie ein kleiner Junge von oben anfängt herunter zu klettern. Überall stöbern Schweine in dem Dreck und suchen nach Fressbarem; Säue mit ihren Jungen suhlen sich in einer schwarzen Brühe. Wie war das mit dem Dioxinskandal in unserem Essen in Deutschland? Schweinefleisch werde ich hier aus meinem Speiseplan mit Sicherheit streichen. Unser Weg führt uns zuerst in die Außenstelle von HELGO. Wir kommen noch an ein paar Behausungen vorbei, vor denen 10 bis 14-jähre Jungs Elektronikschrott sortieren. An einer großen Wasserstelle waschen sich Männer und Frauen; die Männer haben dabei immer ihre Hosen an und auch die Frauen zeigen keine Blöße. Hier muss man aus weiterer Entfernung fotografieren, um die Diskretion zu wahren.

 

Jetzt entdecke ich das erste Hinweisschild auf HELGO. Davor ein Platz mit Müll - wir gehen durch den Eingang: ein hellblau angestrichenes Haus vor dem links und rechts Pflanzen, kleine Palmen in Blumentöpfen stehen. Das hätte man jetzt hier nicht erwartet. Ein Schuhständer fordert auf die staubigen Schuhe auszuziehen, hier soll alles sauber bleiben.

Eine Idylle, eine kleine Oase, ein Paradies in mitten von Staub, Dreck und Unrat. Bild: HELGO Liluah - ein Paradies inmitten des Chaos

In einem Unterrichtsraum warten Jaya Ghosh und ihre Kollegin auf uns. Wir trinken etwas, begrüßen den Leiter von Liluah, schauen uns auch die anderen Räume an. Hier lernen Mädchen nähen, es gibt auch Nähmaschinen.

Bild: HELGO - Schülerinnen beim Nähen

 

In der Küche wird in großen Töpfen Reis für das Mittagessen vorbereitet. Alle Kinder und auch wir erhalten hier eine kostenlose warme Mahlzeit. Schon alleine das ist ein großer Anreiz, die Einrichtung von HELGO in Anspruch zu nehmen.

Bild: Hier wird in der Küche das Mittagessen zubereitet

Jetzt besuchen wir den Müllberg. Kein Ort für Geruchsempfindliche! Viele Kinder suchen, wie auch ihre Eltern, hier im Müll nach Verwertbaren. Das tragen sie dann zusammen, damit die Eltern es verkaufen können.

Bild: Kinder beim Müllsammeln

Es gibt überall fröhliche Gesichter. Die Kinder posieren vor der Kamera und freuen sich über ein paar Süßigkeiten. Das bekommen sie hier sehr selten. Natürlich sind sie neugierig; Europäer, Menschen, die sich für sie interessieren, sind hier die große Ausnahme. Viele der Besucher, die von HELGO hier herumgeführt werden, machen nach den ersten Schritten kehrt. Zwischen all dem Müll liegt auch schon     mal ein verendetes Schwein und ich möchte nicht wissen, was wir bei genauerem Hinsehen, noch so alles fänden. Jetzt, im Februar, ist es mit rund 28 Grad noch sehr erträglich. Ab April, im Sommer, ist es hier brütend heiß und während des Monsuns verwandelt sich alles in Schlamm und Matsch. Ich glaube, ich möchte mir das gar nicht so genau vorstellen.

Ich muss schon jetzt gegen den Brechreiz ankämpfen, den Staub, Dreck, Abfall als visuelle Anreize gepaart mit Gestank bei mir hervorrufen.

 

Bild: Ein barfüssiger Junge klettert vom rund 10 m hohen Müllberg.

 

Das Lachen der hier arbeiteten Kinder ist dabei ein kleiner Lichtblick. Die meisten Kinder, die heute bei HELGO eine Chance auf eine bessere Zukunft geboten bekommen, haben hier früher gearbeitet; ihre Eltern und ihre Geschwister arbeiten noch heute hier.

Das Bild, das sich hier bietet, entspricht in der Vorstellung von uns Europäern der Hölle. Die Menschen, die Kinder hier sehen das ganz anders; es ist ihre Lebensgrundlage, es ist ihre Chance zum Überleben.

Besonders berührt mich ein Junge, der oben auf dem Müllberg in einer kleinen Behausung sitzt. Neben ihm liegt ein Pferd aus Stoff. Ein Spielzeug, das er wohl aus dem Müll gerettet hat.   Barfuss in alten Flipflops oder Sandalen durchsuchen die Kinder den Müll. Ich schaue in ihre Gesichter, sehe Rotz aus der Nase laufen, dreckige Hände, Gesichter - von den Füßen wollen wir gar nicht reden.

Bild: Ein kleiner Junge, auf der Plane sein Stoffpferd (Anmerkung: Ein Jahr später, 2012, treffe ich das Kind wieder, es ist ein Mädchen und heißt Kareena.)

Trotzdem ist erstaunlicherweise die Kleidung weitgehend sauber. Die Kleider der Mädchen oder die Shirts der Jungs müssten in diesem Umfeld eigentlich viel verschmutzter sein. Die Kinder machen keinen verwahrlosten Eindruck! Dieser Gegensatz fällt mir auch immer wieder in den Hütten und Behausungen der Menschen auf. Hier liegt kein Schmutz auf der Erde, während es vor oder besser in der Nähe der Häuser viel schmutziger ist.

 

Bild: Ich lasse mir die "Ausbeute" von den kleinen Müllsammlern zeigen

 

Die Empfindungen, die sich hier einstellen, sind nicht in Worte zu fassen. Tränen steigen einem in die Augen, man möchte wegrennen vor Schmerz. Das Kinderlachen und die fröhlichen Gesichter passen nicht recht hierher, aber sie gehören dazu.


Das Gefühl der Ohnmacht weicht ein wenig dem Wissen, wenigsten einigen hier heraushelfen zu können. Die Arbeit von HELGO kann leider nicht alle erreichen. Aber selbst wenn nur wenige Kinder es schaffen, aus diesem Umfeld herauszukommen, dann hat sich der Einsatz der Organisation bereits gelohnt.

Als nächstes treffen wir die beiden Sozialarbeiterinnen, um Familien zu besuchen. Leider sind Vater und Mutter unserer Schülerin nicht anwesend. Sie arbeiten auf dem Müllberg, was den Eltern ein Einkommen von etwa 40 Rupien (0,65 Euro) am Tag einbringt.

Die Nachbarn kümmern sich um uns. Ein Neugeborenes schläft friedlich im Schatten der Hütte. Auch die Geschwister bemühen sich um alles. Es gibt zwei Brüder, von denen einer schon verheiratet ist und eigene Kinder hat, sowie drei Schwestern. Die Frau des Bruders ist eine Schönheit inmitten dieser Slums. Sie ist mit einem schwarzen, bestickten Sari bekleidet und ist sich offensichtlich ihrer besondern Ausstrahlungen bewusst. Distanziert, mit einer schlichten Anmut trägt sie ihr Kind auf dem Arm, versteckt ihr Gesicht hinter dem Ende des Saris und lächelt uns dann doch zu.

Die Behausungen sind wie gestern sehr klein, aber nicht aus Palmblättern, sondern aus Stein gebaut. Es gibt fast überall einen Fernseher und einen Ventilator.

Bild: Kinder im Slum

In einer anderen Familie wird ein sechzehnjähriger Junge von HELGO gefördert. Er gibt den Sozialarbeiterinnen bereitwillig alle Auskünfte. Auch hier sind alle Hütten sauber und wir ziehen unsere Schuhe aus, bevor wir eintreten. Überall werden wir sehr freundlich begrüßt und man weist uns besondere Plätze zu oder organisiert schnell beim Nachbarn einen zusätzlichen Stuhl. Ich hätte mich auch auf den Boden gesetzt; nein, das kommt nicht in Frage. Gastfreundschaft ist in Indien eine heilige Pflicht.


Besonders die kleinen Kinder sind allesamt so süß, dass man sie am liebsten knuddeln oder ihnen einfach nur zusehen möchte.

Ich bin sehr froh, dies alles erleben zu dürfen.

Essen in Liluah

Wir kehren zurück in unser Paradies. Durch den Eingang lässt man den Dreck und das Chaos hinter sich. Jetzt ist hier viel Betrieb. Mädchen sitzen zusammen und spielen. Die Jungs kommen gleich auf uns zu und wollen fotografiert werden. Sie freuen sich riesig, wenn sie ihre Bilder auf dem Display des Fotoapparates sehen. Sie posieren und wollen immer wieder fotografiert werden.

Die Mädchen sind etwas zurückhaltender. Als ich sie aber frage, ob ich auch von ihnen ein Foto haben darf, stellen sich alle zusammen. Jede möchte in der ersten Reihe sein, es gibt ein kleines Gerangel in das sich auch einige Buben mischen, die ich aber bitte, den Mädchen den Spaß zu lassen.

Bild: HELGO Liluah, Mädchenklasse

Gleich gibt es etwas zu essen. Jeder hat seinen Aluteller und freut sich auf das Mittagessen; es gibt Reis und Dahl, eine Sauce und Gemüse. Für uns Gäste wird sogar Hähnchen und Hammel dazu gereicht. Ja, auch mir schmeckt es gut, auch wenn sich mein Appetit nach den Eindrücken vom nahen Müllberg in Grenzen hält.

 

Bild: HELGO Liluah, warten auf das Mittagessen.

 

Normalerweise isst man mit der rechten Hand, bildet eine Reiskugel und steckt sie sich in den Mund. Doch wir bekommen eine Gabel. Vor und nach dem Essen werden ordentlich die Hände gewaschen und dabei auch die Aluteller wieder abgewaschen. Ordnung muss sein, eine gewisse Sauberkeit wird hier sehr groß geschrieben. Auch wenn sie mit unserem fast keimfreies Abwaschen mit Spülmittel und heißem Wasser nicht zu vergleichen ist. Die Teller werden einfach unter fließendes, kaltes Wasser gehalten. So ist es hier eben üblich.

 

Wir machen in Deutschland nicht alles besser, wir machen es anders. So sollte man es wohl sehen.

Nach einem herzlichen Abschied gehen wir etwa einen Kilometer - zuerst wieder durch Ausläufer der Müllberge - zu einer Strasse, in der alles Verwertbare, gesiebt, sortiert und gegebenenfalls zur Weiterverarbeitung aufbereitet wird. Hier arbeiten auch sehr alte Menschen mit. Mit dem Bus fahren wir zurück zu HELGO nach Tikiapara.

Bild: Hier wird verwertbarer Rest ausgesiebt.

Bild: Ausgemergelt; ein Leben voller Entbehrungen

Besuch im Botanischen Garten

Heute ist Feiertag. Alles ist geschmückt und auf unserem Weg Richtung Botanischem Garten treffen wir viele Inder, die ihre beste Kleidung tragen. Wir stoßen auch auf eine Prozession Moslems - hier geht es vor allem laut zu. Der Autoverkehr wurde angehalten. Wir suchen einen Weg an der Seite zwischen parkenden Autos und entgegenkommenden Menschen.

Bild: HELGO; Hosteljungs im Botanischen Garten

 

Mit den Hosteljungs spielen wir Ball, Fußball oder durchstreifen den Park. Wie alle Jungs in ihrem Alter klettern sie gerne auf Bäume oder machen einfach nur Unsinn.

 

 

Mit 17 Kindern im Bus zu fahren klingt eigentlich nach Chaos und viel Lärm - nichts davon tritt ein.

 

Bild: Müde vom Spielen, Hosteljungs im Bus.

Die Jungs sitzen ordentlich im Bus und durch das Geschaukel während der rund einstündigen Rückfahrt schläft sogar der eine oder andere ein. Hostelvater Asgar Ali, hat alles im Griff und bringt auch die Schlafmützen am Ziel sicher aus dem Bus. Jetzt geht es kreuz und quer durch enge Seitenstrasse von Howrah. Gut, dass mich zwei Jungs an die Hand genommen haben; ich habe hoffnungslos die Orientierung verloren. Plötzlich, nach gut einer weiteren halben Stunde Fußweg, sind wir wieder auf der Belilious Road unweit den Hostels angekommen. Mich hat verwundert, dass bei diesem Ausflug niemand verloren ging. Die Größeren passen auf die Kleineren auf und Asgar Ali, Christoph und Alexander werden von den Kindern stets respektiert, sie tun was diese ihnen sagen.

Bild: Meine beiden Beschützer - Krishna und Safaraz

Ich hatte immer zwei "Beschützer" für mich an der Hand, oder hatte ich sie . . . . ? Nein, nicht wirklich. Die Kinder haben mich durch das Labyrinth der Strassen geführt.

HELGO Außenstelle Buxarah

Nach Buxarah fahren wir über eine Stunde mit dem Bus durch ganz Howrah. Buxarah liegt in der Nähe des Botanischen Gartens.

Bild: HELGO Buxarah, Schülerinnen bei Hennamalen.

 

Hier ist die dritte und kleinste Stelle von HELGO. Wir werden von ihrem Leiter in Empfang genommen. Es scheint hier ein etwas besseres Viertel zu sein. Wir fahren zwar auf einer engeren Strasse, dafür ist die Bebauung etwas weitläufiger und großzügiger. In der Außenstelle werden wir mit einem duftenden Blumenkranz begrüßt.


Hier malen einige ältere Mädchen auf Blöcken Muster für eine Hennabemalung an Händen und Füssen. Sie sind konzentriert bei der Arbeit und zeigen sie mir voller Stolz.    Das sieht wirklich sehr schön aus

 

Bild: HELGO Buxarah, Mädchenklasse beim Zeichnen

Christoph und Alexander haben die Aufgabe, einige der Schützlinge zu befragen und dann einen Bericht an deren Paten in Deutschland zu senden; mit Bild natürlich.


Abschied und Fazit

Zurück im Hostel in der Belilious Road bereite ich mich langsam auf den Abschied von meinen Jungs vor, die mir inzwischen alle ans Herz gewachsen sind.

Ich möchte für alle Eis kaufen und suche mit Alex Hilfe einen Jungen aus, der mich dabei begleitet. Wir erstehen Schokoladen- und Vanilleeis in kleinen Bechern. Zurück im Hostel wird das Eis in das Eisfach des Kühlschankes verfrachtet. Zuerst gibt es Abendessen und dann das Eis. Nein, diese Anweisung kam nicht von mir, das haben die Jungs selbst so entschieden!

Bild: HELGO, Meine Hosteljungs beim Abendessen

Also sitzen wir alle gemeinsam beim Abendessen, Chapati, Reis und eine Sauce. Als wir fertig sind, ist auch Hostelvater Asgar Ali wieder da und übernimmt persönlich die Verteilung des Eises. Jedes Kind bedankt sich artig, dann sitzen wir alle mit dem Eis bewaffnet im Kreis und ich zeige auf Drängen aller noch mal ein paar Zaubertricks. Mit kleinen Dingen kann man die Jungs doch sehr beeindrucken.


Ja, was soll ich sagen? Ich bin Pate von Rahul, einem 8-jährigen Jungen, der mit seinen Eltern am Rande des Müllberges wohnt. Ja, natürlich werde ich Rahul und meine Jungs im Hostel wieder besuchen. Ich freue mich sie alle wieder zusehen.

HELGO e. V. hat für rund 200 Kinder ein kleines Paradies erschaffen, ein Paradies aus dem sie nur dann vertrieben werden, wenn wir ihnen unsere Unterstützung verweigern und unsere Spenden dafür versiegen. Das darf nicht passieren.

Jeder Euro zählt und Ihre Spende kommt ohne Abzug von Verwaltungsgebühren bei den Kindern an, denn alle Mitglieder der H.E.L.G.O. - e. V. arbeiten ehrenamtlich.

Sie möchten Pate werden oder H.E.L.G.O. e.V. dauerhaft unterstützen?

Weitere Informationen finden Sie im Internet unter http://www.helgo-ev.de

BITTE HELFEN AUCH SIE: Spendenkonto von H.E.L.G.O.; e.V.; Hamburg

Konto Nr.: 4780 888 COMMERZBANK AG, Hamburg, BLZ 200 400 00 .
IBAN: DE28 2004 0000 0478 0888 00 BIC: COBADEFFXXX .


Wo sind die Standorte von HELGO?

A: Howrah, Liluah, Belgachia Bhagar - der große Müllberg. (klicken Sie auf Satellitenbild)

B: Howrah, Tikiapara 103 Belilious Road.

C: Howrah, South Buxarah, Village Road.(geschlossen im Jahre 2013)


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Vielen Dank für Ihr Interesse.

Albert Schneider, Höchster Strasse 7, 65203 Wiesbaden

Telefon: 0611 - 690 1910 E-Mail: Schneider.Albert[at]gmx.de

Ich informiere Sie auch zukünftig gerne über Neuigkeiten bei HELGO. Bitte schreiben Sie mir. Vervielfältigung und Weitergabe gestattet und erwünscht.

Meine Jungs. Fußball mit neuen Trikots für jede Manschaft macht viel mehr Spaß.

Hoffnung ist nicht, dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass etwas Sinn hat, egal wie es ausgeht.

Václav Havel (05.10.1936 - 18.12.2011)